nachDenken oder besser mitDenken?

„Ich denke, also bin ich!“ hatte einst Decartes formuliert. Auffällig an dem Satz ist das zweimalige Auftauchen des Worts „ich“. Dem Spiegel war das gerade im Moment scheinbar so wichtige „ich“ kürzlich sogar einen Artikel wert („Narzissmus: Die größte Liebe unseres Lebens“, DER SPIEGEL, Heft 26/2016). Dieser neue Narzissmus kommt nicht über die Erfindung des Selfies und hat auch wenig mit dem Internet zu tun, wenn auch das Internet insbesondere über mobile Geräte, ganz vorn Smartphones, schon die Tür öffnet es auszuleben. Express yourself – stelle dich dar, scheint das Motto zu sein.

Der Industrie gefällt das – zumindest, wenn Kunden es tun. „Daten sind das neue Fließband“ hat Gini Rometty, CEO der IBM, verkündet. Die Industrie freut sich also, wenn die Konsumenten viel über sich in den angeblich sozialen Medien hinterlassen, sodass sie gläserner werden. Sie hat ebenso das „Ende der Mittelwerte“ angekündigt. In der Tat schafft es definitiv Wettbewerbsvorteile, wenn man heute schon weiß, was der Kunde morgen will – nicht ein Kunde, sondern der Kunde. Zu Zeiten von Tante Emma Ladengeschäften war es einfach. Jeder kannte jeden und der Ladenbesitzer bestellte auch den Lieblingswein von auch nur einem Kunden schon mal auf Vorrat, weil er wusste, dass der Kunde demnächst wieder nachkaufen würde. Mit der Anonymität der immer größeren Supermärkte war das dann irgendwann vorbei. Die Marktleiterin orientierte sich nur noch an Kundensegmenten, letztlich, weil es anders bei einer anonymen Kundschaft nicht mehr ging.

Doch heute stellen sich immer mehr Menschen mit immer mehr Details internetöffentlich dar. Was sie als Narziss eigentlich wollen ist Aufmerksamkeit, oder gar Liebe, aus ihrem Bekanntenkreis – im Internet anmaßend Freunde genannt. Diesem hinterherzulaufen ist der Antrieb. Es gleicht aber dem Spiel mit einem Hund, den man eine Karotte an einem Stock vor die Nase gehängt hat – soviel er auch läuft, rankommen tut er nie. Aber die Industrie freut sich über neue, unmittelbar personenorientierte Vertriebsoptionen.

Die Ichs müssen sich auf der Jagd nach ihrer Karotte fortlaufend Gedanken machen, womit sie als nächstes beeindrucken können. In Augsburg und Köln hat man schon das Ampellicht in den Zebrastreifen eingebaut („Bodenampeln“), damit die Smartphone-Nutzer sich durchgängig dem Gerät widmen können, ohne auch noch aufzuschauen – und das sind nicht nur Pokémon-Spieler. Es ist ein Symptom des Problems. Die Ichs nehmen ihren Nahbereich nicht mehr richtig war. Auch wenn sie ihre Nachrichten in sogenannten sozialen Medien posten, werden sie selbst völlig unsozial – zumindest im Nahbereich. Im Fernen retten Sie vielleicht gerade die Welt. Aber wer hilft heute noch der Frau mit dem Kinderwagen in die S-Bahn? Niemand. Sie wird gar nicht mehr wahrgenommen.

Diese Unsozialisierung wird über kurz oder lang auch in Unternehmen zu einem Problem werden. Es gibt im Geschäftsleben kaum Situationen, in denen es reicht für sich nachzudenken, auch wenn man das natürlich auch manchmal machen muss/sollte. Viel zu oft verharrt man dabei im falschen Kontext. Erst durch Feedback kommt das Fine-Tuning. Und das schnellste und intensivste Feedback gibt es immer aus dem Nahbereich. Wer kundenorientiert sein will, muss mitdenken können, auch schon proaktiv mitdenken können, was man dann vorausdenken nennt. Um es sportlich auszudrücken: einschätzen wo der Ball sein wird. Wo der Ball ist oder war kann jeder, selbst der Autist, der die krankhafte und damit unverschuldete Variante des Narziss ist.

Mitdenken heißt auch sozial sein, heißt der Frau mit dem Kinderwagen in die S-Bahn zu helfen. Dafür muss man mal kurz aus der virtuellen Welt zurück in die reale absteigen. In Wahrheit ist es kein Abstieg, sondern ein Schritt nach vorn, ein Schritt zu einem neuen sozialen Miteinander. Ein Medienkompetenzthema.

Wie wichtig und überfällig dieser Schritt ist, zeigen weltweit aktuelle Wahlergebnisse: sehr viele Menschen fühlen sich vernachlässigt, einsam, verunsichert. Sie empfinden die neue, immer mehr virtuelle Welt als kalt. Und wenn ich die Frau mit dem Kinderwagen wäre, müsste ich sagen, dass sie wirklich auch kalt ist, kalt geworden ist. Warum ist das so? Muss das so bleiben?

Viele versuchen die Verantwortung für diesen Wandel Anderen in die Schuhe zu schieben, um Verantwortung von sich zu weisen. Politiker, oder allgemeiner „die da oben“, werden gern als vermeintliche Steuerer des ganzen identifiziert. Dabei laufen gerade die dem Phänomen eigentlich, geprägt von viel Unkenntnis zu neuen Technologien, eher meilenweit hinterher. Es ist nicht zentral gesteuert. Wir sind es selbst. Viele Wenig sind ein Viel, wie uns die Sparkassenwerbung suggeriert. Wir haben in den letzten Jahren ganz kräftig unser Verhalten geändert. Jede und jeder für sich. Man geht nicht mehr in den Sportverein und organisiert etwas gemeinsam – und vor allen Dingen verlässlich und verbindlich. Man hat stattdessen ein Abo im Fitnessstudio und trainiert sich da die zu vielen Kalorien der letzten Junkfood-Völlerei wieder ab. Der Freund/die Freundin hat natürlich kurzfristig abgesagt und man trainiert mal wieder allein. Da kann man mal ganz in Ruhe richtig nachdenken. Aber will man das in dem Moment überhaupt?

Ich glaube, dass wir alle mehr Medienkompetenz entwickeln müssen. Medienkompetenz auch im Sinne von Sozialkompetenz. Die Smartphones auch mal weglegen, ausmachen, ist nur ein Aspekt, wenn auch ein wichtiger. Wir brauchen das im Privatleben, weil es uns glücklicher machen würde, und wir brauchen es in den Unternehmen. Ein „ich bin toll“-Posting ist im Unternehmenskontext nur langweilig und Zeitverschwendung – und wenn in der Arbeitszeit gemacht auch Geldverbrennung. Selbstdarstellung gibt es in dem meisten Unternehmen trotzdem im Überfluss, aber Mitdenker sind rar. Das liegt natürlich auch an den heutigen Bewertungssystemen, die Selbstdarsteller und Blender tendenziell bevorzugen. Vielleicht sollten sich die Personaler da mal etwas überlegen.

Auch wenn die berühmten 11 Freunde auf dem Fußballplatz in Wahrheit schon immer elf Wettbewerber waren, so kommen Sie doch oft zu einem veritablen Teamergebnis. Aber nur, wenn jeder jederzeit mitdenkt. Das können immer weniger Menschen, denn das muss man erst einmal lernen. Wo passiert das heute noch? Eltern, schickt eure Kinder auf den Bolzplatz! Und welche Firmenakademie hat überhaupt noch einen?

(Zu diesem Artikel gibt es noch ein vertiefendes Interview unter dem Titel „Wird unsere Gesellschaft unsozial?„)